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Russisches Popfestival Die Welt für 150 Rubel

Der Sommer der Liebe erreicht den Ural: Zu Besuch auf dem ersten internationalen Popfestival in Perm

  • Von: Sebastian Reier
  • 17.07.2010 - 17:42 Uhr

© Aleksei Gavrilov

Alternativkultur auf dem russischen Land: Das Dvizhenie-Festival bringt immerhin mehrere Tausend Leute zusammen

 

Eine Wiese, umgeben von hölzernen Kirchen aus dem 17. Jahrhundert – vom Hügel herab fällt der Blick auf einen See, in der Ferne Wälder und Dörfer. Welch idyllischer Ort! Wir sind 60 Kilometer vom Zentrum Perms entfernt, nicht weit vom Ural, dem Ende Europas. Es ist der 3. Juli, zwölf Uhr mittags, die ersten Besucher des Festivals trudeln ein, verschwinden in den Büschen und kommen mit Blumenkränzen im Haar wieder hervor. Wohl fünfzig grimmige Polizisten stapfen über das noch freie Feld. Freuen sie sich nicht auf die Musik? Oder haben sie einfach keine Lust, ihr Wochenende in Uniform und Springerstiefeln zu verbringen, bei 38 Grad im Schatten, wenn es hier Schatten gäbe!

Dvizhenie – Bewegung – ist das erste internationale Popfestival Perms, jener »geheimen Stadt«, die das Zentrum der sowjetischen Rüstungsindustrie war. Jahrzehntelang fehlte sie auf vielen Landkarten, Ausländer hatten keinen Zutritt, noch bis 1991 nicht.

Nach wie vor gibt es Industrie in Perm, Lukoil zum Beispiel, das größte Ölunternehmen Russlands. Und doch ist diese Partnerstadt Duisburgs ganz hübsch. An zwei unendlichen Uferstraßen erstreckt sie sich entlang des Flusses Kama über 70 Kilometer. Perm ist an die transsibirische Eisenbahn angeschlossen, hat einen kleinen, rumpeligen Flughafen und viel Kultur. Man beheimatet ein Opernhaus, eine staatliche Kunstgalerie und seit 2009 ein beachtliches Museum für moderne Kunst. Dvizhenie -Plakate hängen in der ganzen Stadt. Gute Voraussetzungen also für ein Festival in einem Russland, dessen Kulturbetrieb sich auf Moskau und Sankt Petersburg beschränkt. Bands aus 13 Nationen hat man in die Provinz geholt, recht bunt ist das Programm.

Die ersten Bands, Biting Elbows aus Moskau und Upalinaushis aus Perm, fallen gleich mit der Tür ins Haus: Akkorde des Punkrock und peitschende Schlagzeuge dreschen dem in der Sonne röstenden Publikum entgegen. Gleich danach wird es entspannt und poppig: Play aus Perm haben bereits den Habitus von Rockstars, Sonnenbrillen und gut sitzende Frisuren. Ihre Musik hat Qualität, sie wird von Synthesizern in eine Schwebe getragen.

Wäre Dvizhenie ein westliches Festival, würde es den ganzen Tag so weitergehen: Pop, Punk, Rock – doch dem Programm in Perm geht es nicht nur ums Feiern, sondern auch ums Hören, um die Einfühlung in Unbekanntes. Das Publikum wirkt zunächst eher teilnahmslos. Mancher verbringt den Tag fern der Bühne am See. Wie viele mögen überhaupt gekommen sein, 3000, 5000? Ist das viel oder wenig für eine Stadt von einer Million? »Alternative Kultur ist nicht sehr beliebt auf dem Land«, sagt Alex aus Moskau, der neugierigen Fragen nicht ausweicht. Andere gucken zu Boden: »Sorry, no English«.

ie soll man es auch beurteilen, es gab bislang nichts Vergleichbares hier. Aus Samara, der sechstgrößten Stadt Russlands, die im Süden des europäischen Teils liegt, kommt die nächste Band: Cheese People.

Sie spielen tanzbaren Funkrock, treibend und einfallsreich. Der Funke springt ins Publikum, vor der Bühne hüpfen die jungen Frauen zu Olya Chubarovas englischem Sprechgesang. Eigentlich müssten Cheese People die Popwelt im Sturm erobern, so euphorisierend ist ihr Auftritt. In Russland sind sie schon recht bekannt, demnächst wollen sie ins Ausland – nach Weißrussland.

Nun spielen Mystery Juice aus Schottland britischen Kneipenrock. Die Leute gehen mit, dabei wird hier nicht einmal Alkohol ausgeschenkt. So gibt es auch keine Sponsorenplakate, keine Markenzeichen, weder Werbung für Bier noch für Cola oder Autos. Stattdessen russische Mütterchen, die dort, wo es nicht ganz so laut ist, korbumflochtene Samoware und gehäkelte Deckchen verkaufen.

lexander Cheparukhin hat sich dieses Fest der Musik ausgedacht. Man erkennt ihn an den Shorts und dem Safarihut. Vor der Bühne fuchtelt er mit der Kamera, hinter der Bühne kümmert er sich um die Musiker, auf der Bühne wedelt er mit den Armen und sagt jede Band an. Er zieht Vergleiche, rückt die Bands in den Kontext der Musikgeschichte. Er ist ein Hüne von Gestalt und ein Anreger durch und durch. In ganz Russland veranstaltet er Konzerte und Festivals. Dieses hier betrachtet er als ein Experiment. Perm habe die liberalste Regierung im Land, sagt er. Journalisten könnten hier frei ihre Meinung äußern, kritische Kultur werde geduldet und sogar gefördert. Deshalb werde Perm auch von Moskau vernachlässigt, es habe die schlechtesten Straßen. Die Jugend sucht ihre Chancen anderswo. »Viele Leute hier sagen: ›Was nützt uns die Freiheit, wenn wir kein Geld haben?‹ Dann gehen sie nach Moskau. Deshalb ist so ein Festival wichtig«, sagt Cheparukhin. 150 Rubel kostet der Eintritt, keine vier Euro. In Moskau wäre es das Zehnfache.

 

Unterstützt wird das Festival von dem schillernden Galeristen Marat Guelman. Früher soll er PR-Kampagnen für Boris Jelzin und Wladimir Putin organisiert haben. Später führte er eine wichtige Galerie in Moskau. Im vergangenen Jahr zog er, zum allgemeinen Erstaunen, nach Perm. Dort leitet er nun das Museum für zeitgenössische Kunst. Das Festival verfolgt er aus dem VIP-Zelt. Liegt das womöglich daran, dass er Jude ist und russische Neofaschisten zu Feinden hat? Vor vier Jahren, heißt es, hätten sie sein Büro verwüstetet und ihm die Nase gebrochen.

Mit von der Partie ist auch Valeria Gai Germanika, eine Jungregisseurin, deren Serie Shkola , »Schule«, im russischen Fernsehen die Gemüter erhitzt. Schonungslos stellt sie die Probleme der Jugend dar. Und diesen Monat ziert sie das Titelbild des russischen Rolling Stone. In Perm krächzt sie nach jedem Konzert von der Bühne, sie ist eine Art Co-Moderatorin und als Einzige wirklich betrunken. Dazu tätowiert, gepierct und sehr charmant. Die avantgardistische Intelligenzija hat sich versammelt, um Perm zu beflügeln.

erm hieß von 1940 bis 1957 Molotow, nach dem russischen Außenminister Wjatscheslaw Molotow. Nun betritt eine mexikanische Band namens Molotov die Bühne. Richtige Radaubrüder, sie fordern die Mädchen auf, sich obenherum freizumachen.

Aber darauf können wir nicht warten. Nach zwanzig Stunden Anreise, zwei Stunden Schlaf und zehn Stunden Hitze ist es Zeit, in die Stadt zurückzukehren. Ein Schnellbus, der einst durch Hamburg fuhr, rumpelt Richtung Perm. Im Hotel ist das Zimmerfenster mit einem Holzbrett vernagelt, das ist zwar nicht schön, hält aber die Hitze draußen. Etwas Ruhe, etwas Fußball tut gut, denn der zweite Tag wird noch bunter.

Farafina aus Burkina Faso, eine Trommelgruppe. So etwas hat es hier noch nie gegeben. Sogar die Polizisten lächeln und zücken ihre Kameras. Dann singt der Ugander Geoffrey Oryema mit zitternder Stimme vom Krieg, wir zittern mit. Ein Schamane! Später, hinter der Bühne, heilt er Wehwehchen mit Shiatsu. Das Festival empfindet er als »spirituell« und »tief«, er spürt »die Stimmung des Aufbruchs«.

ine australische Band intoniert tartarische Folklore; marokkanische Rapper der Gruppe Fnaire fordern »Respekt für die Frauen in aller Welt«. Kultur Shock aus Seattle spielen Zappapolka! Und dann kommt eine deutsche Gruppe: die Dissidenten.

Aber was ist das schon, eine deutsche Gruppe? Daheim treten sie kaum auf, dafür vor Zehntausenden in Marokko, Indien, Brasilien. Als Gitarrist Roman Bunka ein Solo spielt, erklingt die Musikgeschichte von Ägypten bis Krautrock. Elke Rogges Drehleier lässt die Völkerwanderung nachvollziehbar erscheinen. Im Schneidersitz singt der Tamile Manickam Yogeswaran dazu – von Weitem sieht es so aus, als würde er schweben. Da ist Bewegung drin!

 

Die Dissidenten passen zu Perm. Schon wegen ihres Namens: Russlands einziges Gulag-Museum gibt es hier. Zurzeit dient es allerdings als Opernbühne für Beethovens Fidelio.

Das Southern Fried Chicken in Perm hat rund um die Uhr geöffnet. Man kann draußen sitzen, auch mitten in der Nacht. An der Wand ein Bild der Mitarbeiterin des Monats: chicken of the month. Sie sieht ziemlich ungesund aus. Es gibt Cola in multiplextauglichen Bechern, später Bier. Im Gespräch zieht der 63-jährige Uve Müllrich von den Dissidenten seine Bilanz des Festivals: »Perm ist Aufbauarbeit.« Wenn die hier so weitermachen, werde das noch ein Wladiwoodstock.

  • Quelle: DIE ZEIT, 15.07.2010 Nr. 29
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